Geschichten von der „Obermühle“

 

Sie werden sich vielleicht wundern, warum es hier eine „Gelster – Straße“ gibt, obwohl die „Gelster“ doch eigentlich einige Straßen weiter fließt.

Dann gibt es hier Straßen „Auf der Mühlengelster“, die „Oberen Mühlstraße“, die „Mühlstraße“ , alles Hinweiße auf nicht mehr vorhandene Objekte.

Als mein Vater 1959 die „Obermühle“ kaufte, war die Mühle noch voll im Betrieb.

Es musste ein Müller eingestellt werden, und mein Vater musste mit fast 50 Jahren noch einen Berufsabschluss in diesem Handwerk ablegen, um den Betrieb aufrecht zu halten.

Quer durch unseren Hof floss die „Mühlen-Gelster“  und das Grundstück wurde abgeschlossen von den Resten der alten Stadtmauer.

Da bei dem Mahlbetrieb viel Kleie (Schalenbestandteile der Getreides, wird heute gern als Ballaststoff  in Diäten eingesetzt) anfiel, und auch andere Backwaren entsorgt werden mussten, wurden Mastschweine gehalten und gezüchtet.

Wenn diese das nötige Alter und auch Gewicht hatten, mussten sie die obere Mühlstraße aufwärts laufen, um beim „Fleischer Weiler“ in Wurst verwandelt zu werden.

Direkt an der Stadtmauer wurde war der Misthaufen, heute undenkbar.

Dieser großer Haufen Steinen hatte ein reiches "Innenleben", welches sich von den Resten des Schweinefutters gut ernähren konnte.

Einer unserer Hausbewohner lag fast jeden Abend mit eine Flinte auf der Lauer, um zumindest diese Plage etwas einzudämmen.

Für uns als Jungen war dies natürlich eine herrliche Abenteuerspielplatz ,und wir genossen die Freiheit gleich vor der Tür.

Warum ich diese aufschreibe?

Wenn ich meinen Kindern hiervon erzähle, schaue mich diese ungläubig an und denken ich erzähle von vor 100 Jahren. In der Zwischenzeit ist dies natürlich auch voriges Jahrtausend.

Nachdem die „Mühlen-Gelster“ und auch die Obermühle aus dem Stadtbild verschwunden sind und nur noch die Namen daran erinnern, finde ich es schade, dass viele dieser Geschichten und Anekdoten die damit zusammenhängen, im Laufe der Zeit verloren gehen und vergessen werden.

Da in meiner Kinderzeit die Mühlen-Gelster und damit die Obermühle stillgelegt wurde, war mein Vater wohl der " letzte Obermüller " und somit der letzte, einer langen Kette von Vorgängern.