Witzenhausen. Ende einer Ähra: Nach 38 Jahren als selbstständiger Bäckermeister hat Hubertus Erner nun seine Bäckerei samt Cafe aufgegeben.

Ein Nachfolger war nicht in Sicht, nun betreibt die Bäckerei Ruch aus Rosdorf das Geschäft weiter.

Wohl schon 1268, also vor fast 750 Jahren, ging es an der heutigen Gelsterstraße um Brot.
Nicht nur an der Ecke zur Oberen Mühlstrasse stand eine Mühle, in der Mehl gemahlen wurde.
Insgesamt drei Mühlen standen einst innerhalb der Stadtmauer an der Mühlengelster, dem extra für sie angelegten Kanal.
Die Obermühle beziehungsweise die Bäckerei Erner ist somit der einzige Standort in Witzenhausen, an dem zwar nicht mehr Mehl hergestellt, aber bislang verarbeitet wird.

Doch das ist seit einigen Tagen auch Geschichte. Denn Hubertus Erner, der letzte Konditor- und Bäckermeister in Witzenhausen, übt sein Handwerk nicht mehr aus.
Er hat sich zusammen mit seiner Frau Sigrit, die den Backwaren-Laden samt Cafe  führte, ins Privatleben zurückgezogen.

Alles hat seine Zeit.

Einzig Brot und Backwaren werden im Haus Erner weiter hergestellt, allerdings kommen die Teigrohlinge nun allmorgendlich aus einer Produktionsstätte  in Rosdorf bei Göttingen
und werden in der neuen Filiale der Feinbäckerei Ruch in Witzenhausen nur noch fertiggebacken.

Keine Nachfolge in absehbarer Zeit in der Familie und ständig neue Richtlinien, Auflagen und Kontrollmechanismen bezüglich Räumlichkeiten und Hygiene
hätten erforderliche und langfristige Investitionen nicht mehr rechtfertigt, begründet Hubertus Erner seinen Schritt.
Das hätte sich erst nach 20 Jahren rentiert, sagt der 62-jährige und zieht - zwar mit etwas Wehmut, aber ohne jeglichen Groll - einen Schlussstrich nach 38 Jahren Selbstständigkeit.
Erner:  Alles hatte seine Zeit, und loslassen gibt Raum für Neues€

Nicht zuletzt wegen fehlenden Bäcker-Nachwuchses - im ganzen Werra-Meißer-Kreis gebe es nur noch zwei Auszubildende im ersten Lehrjahr - stand der Bäckermeister in den vergangenen zwei Jahren auch schon allein in der Backstube.

Hubertus Erner geht also als letzter Bäckermeister der Stadt in die Heimathistorie ein, sein Vater Hubert steht schon drin als der letzte Obermüller von Witzenhausen. 
Denn obwohl schon fast 50 Jahre alt, musste Hubert Erner noch die Meisterprüfung im Müllerhandwerk ablegen, um die Mühle aufrecht erhalten zu dürfen, nachdem er die Obermühle 1959 gekauft hatte.

Sohn Hubertus will sich nun also zusammen mit seiner Frau Sigrit (58) intensiver um die Enkelkinder - das jüngste, Malte, ist erst vor gut zwei Wochen auf die Welt gekommen - und um die Hobbys kümmern. Die bisherige Backstube wird schon zur Hobbywerkstatt umfunktioniert.

Cafe und Verkaufsraum sind verpachtet, auf das Angebot müssen die Witzenhäuser also nicht verzichten. Alle zehn Mitarbeiterinnen wurde auch übernommen.

Zudem bleibt Erner mit seinem ehrenamtlichen Engagement der Kreishandwerkerschaft als Kreishandwerksmeister und der Witzenhäuser Aktionsgemeinschaft Handel und Gewerbe als Vorstandssprecher erhalten

Vor dem alten Mahlstein: Bäcker- und Konditormeister Hubertus Erner legt seine Konditorpalette (in der rechten Hand), die er sich am ersten Tag seiner Lehre vor über 40 Jahren gekauft hat, nun zur Seite. Und für seine Frau Sigrit haben Kaffeetassen nur noch Erinnerungswert.

 

Foto und Text: Stefan Forbert

 

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Hessisch-Niedersächsische Allgemeine vom 21.11.2014

Der letzte Bäckermeister:

Erners
verpachten Bäckerei und Cafe